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Autor
Güngör, Dilek

Vater und ich

Untertitel
Roman
Beschreibung

Auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2021

Als Ipeks Mutter mit ihren Freundinnen Wellnessurlaub macht, beschließt sie, ein paar Tage ihren Vater zu besuchen. Zwischen den Zeilen ist die Absicht zu erkennen, die Abwesenheit der ebenso lebhaften wie wortreichen Mutter zu nutzen, um ihrem Vater wieder etwas näher zu kommen. Seit sie erwachsen ist, findet die Kommunikation mit ihren Eltern fast ausschließlich über ihre Mutter statt, das Verhältnis zum Vater ist zunehmend gehemmt.

Mit Vater und ich nimmt sich die Autorin einer sich über die Jahre verändernden Vater-Tochter-Beziehung an. Mit lakonischem Sprachwitz und glasklarem Blick auf ein hochaktuelles gesellschaftspolitisches Thema gelingt es Dilek Güngör die Erfahrungen und oft wortlosen Empfindungen dingfest zu machen, die Menschen „mit Migrationshintergrund“ so oder ähnlich jeden Tag in Deutschland erleben.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Verbrecher Verlag, 2021
Format
Gebunden
Seiten
104 Seiten
ISBN/EAN
9783957324924
Preis
19,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Dilek Güngör, geboren 1972 in Schwäbisch Gmünd, ist Journalistin und Schriftstellerin. Ihre gesammelten Zeitungskolumnen erschienen in den Bänden »Unter uns« und »Ganz schön deutsch«. 2007 veröffentlichte sie ihren ersten Roman »Das Geheimnis meiner türkischen Großmutter«. 2019 erschien ihr zweiter Roman »Ich bin Özlem« im Verbrecher Verlag. Die Autorin lebt und schreibt in Berlin.

Zum Buch:

Als Ipeks Mutter mit ihren Freundinnen Wellnessurlaub macht, beschließt sie, ein paar Tage ihren Vater zu besuchen. Zwischen den Zeilen ist die Absicht zu erkennen, die Abwesenheit der ebenso lebhaften wie wortreichen Mutter zu nutzen, um ihrem Vater wieder etwas näher zu kommen. Seit sie erwachsen ist, findet die Kommunikation mit ihren Eltern fast ausschließlich über ihre Mutter statt, das Verhältnis zum Vater ist zunehmend gehemmt.

Mit Vater und ich nimmt sich die Autorin einer sich über die Jahre verändernden Vater-Tochter-Beziehung an. Erinnerungen an die Kindheit, als es zwischen der Protagonistin und ihrem Vater offene Zuneigung voller Witz, kleiner Rituale und selbstverständlicher Nähe gab, berühren vielleicht gerade durch ihre Sachlichkeit. Auf knapp hundert Seiten entsteht eine facettenreiche Betrachtung unterschiedlichster Aspekte: die Herkunft des Vaters, der aus einem harten Leben in einem kleinen anatolischen Dorf floh, der Wunsch und die Notwendigkeit, in der deutschen Umgebung möglichst angepasst und erfolgreich zu sein, und die gleichzeitige Verwurzelung in türkischer Kultur, in der türkischen Verwandtschaft und in Einwandererkreisen.

Darüber hinaus beschreibt die Autorin, wie schwierig es – ganz unabhängig von einer türkischen Herkunft – zwischen Töchtern und Vätern sein kann, wenn die unbeschwerte Kindheit ins Jugend- und Erwachsenenalter übergeht, wo körperliche Nähe nicht mehr angemessen erscheint und durch andere Nähe ersetzt werden müsste, was nicht immer gelingt. Ipeks Sehnsucht, dem Vater näher zu kommen, die beiderseitige Unfähigkeit, die Stille zu füllen, die die beschriebenen gemeinsamen Tage durchzieht, ihr Schwanken zwischen Resignation und Anerkennung einer Beziehung, die fast ohne Worte auskommt, machen Vater und ich zu etwas Besonderem und weisen weit über seine hundert Seiten hinaus.

Die oft nur kurz angedeuteten Erfahrungen mit Sprache(n), die innerhalb der Familie und in der Außenwelt gesprochen werden und vielschichtige Identitätszweifel mit begründen, lassen auch an Kübra Gümüsays 2020 erschienenen Essay Sprache und Sein denken. Güngör beschreibt, wie sie Wörter sammelt, türkische, deutsche, später spanische und englische, wie sie, um dazuzugehören, in der Schule behauptet, sie könne das Türkisch ihrer Eltern gar nicht verstehen, und gleichzeitig Scham ob dieses Verrats empfindet. Und wie sie begreift, dass sie all diese Wörter und Sprachen nicht wegen ihrer Schönheit oder Vielseitigkeit sammelt, sondern „…um gewappnet zu sein. Nur wogegen?“

Dilek Güngör beschreibt, wo andere nur einen vagen, klaffenden Spalt lassen. Dass Vater und ich dieses Jahr auf der Longlist des Deutschen Buchpreises gelandet ist, hat sicher viele Gründe. Einer davon ist, dass es Güngör mit lakonischem Sprachwitz und glasklarem Blick auf ein hochaktuelles gesellschaftspolitisches Thema gelingt, genau die Erfahrungen und oft wortlosen Empfindungen dingfest zu machen, die Menschen „mit Migrationshintergrund“ so oder ähnlich jeden Tag in Deutschland erleben.

Larissa Siebicke, autorenbuchhandlung marx & co., Frankfurt