
VORBEMERKUNG Schon bevor wir auf die Welt kommen, im Fötusstadium bereits, entstehen unsere Handlinien und verändern sich zeitlebens kaum mehr. Ihre Ausrichtung ist jedoch von Mensch zu Mensch verschieden. Neben Kopf-, Herz- und Schicksalslinie ist die Lebenslinie am deutlichsten ausgeprägt. An ihrem Verlauf glauben die Anhänger der Chiromantie, der Handlesekunst, das Schicksal eines Menschen vorhersagen zu können. Dass die Linien der menschlichen Hände tatsächlich Schicksale abbilden, ist Aberglaube. Doch jeder Mensch besitzt eine immer einzigartige „Lebenslinie“, die sich nicht vorhersagen, aber mit Fakten nachvollziehen und in ihren Bedingungen und Einflüssen erklären lässt. Welche Rolle spielen dabei Elternhaus, Schule, Beruf, soziales Umfeld, Politik – kurz, die individuellen und allgemeinen Lebensumstände? Das soll hier an einzelnen Schicksalen im Kontext der jüngeren Geschichte herausgefunden werden. Im Zentrum stehen mein Vater, ein gebürtiger Oberpfälzer, und einige seiner jüdischen Mitschülerinnen und Mitschüler am Humanistischen Gymnasium zu Amberg in der Oberpfalz. Ins Blickfeld geraten aber auch Personen, die ihre Lebenslinien kreuzen oder tangieren. Sie alle stehen mit der Oberpfalz oder mit Franken in Verbindung – sei es als dort Geborene, sei es, dass sie dort zeitweise lebten oder aktiv waren. Die Wahl des zeitlichen Rahmens 1913 bis 1947 ist biographisch inspiriert, umfasst aber zugleich eine Epoche der Krisen, Kriege und Umbrüche, was dem Schicksal dieser Menschen besondere Brisanz verleiht. ANSTOSS IN BERLIN Entdeckt hatte ich es Anfang 2013 in der Buchhandlung des Aufbauhauses am Moritzplatz in Berlin: Florian Illies‘ „1913 – Der Sommer des Jahrhunderts“. Mit großen roten Ziffern stach mir die Jahreszahl ins Auge – das Geburtsjahr meines Vaters! Das lag nun genau einhundert Jahre zurück. 1913 – tatsächlich der Sommer des Jahrhunderts? Die naturwissenschaftlich-technischen Fortschritte dieser Zeit waren bahnbrechend, die künstlerischen Entwürfe spektakulär. Eine ungewöhnlich lange Friedenszeit dauerte – noch – an. Doch die Weltlage ist überhitzt. Europäische Großmächte konkurrieren um Kolonien und Einflusssphären. Die Hoch- und Wettrüstungsmaschinerie läuft auf vollen Touren, Konflikte eskalieren und auf dem Balkan bricht 1913 binnen Jahresfrist ein zweiter Krieg aus. Feudal-reaktionäre, militaristische Ideologie und imperialistischer Größenwahn sollen soziale Hierarchien und Spannungen überspielen. Ressentiments und Selbstüberschätzung, tiefsitzender Antisemitismus bilden eine unselige Mischung. In ihrem Roman „Die Inkommensurablen“ beschreibt Raphaela Edelbauer eine typische Situation am Vorabend des Ersten Weltkriegs. In der Wiener Villa eines hochrangigen Offiziers der k.u.k. Armee unterhalten sich der Hausherr und einige seiner Kameraden über die Zeitläufte, vor allem aber über den zu erwartenden Krieg. Die anwesenden Damen lauschen mehr oder weniger interessiert. Ihnen obliegt eher die Rolle reizvoller Staffage. Die Worte, die die Dichterin den versammelten Herren Offizieren in den Mund legt, charakterisieren die gesellschaftlichen Eliten dieser Zeit bestens: „›[…] Es ist also so, dass schon eine Handvoll wütender Terroristen aus einem Parasitenstaat […] ein jahrtausendealtes Herrscherhaus zerschlagen können. Jetzt gestaltet sich die Lage aber so, dass sich in unseren eigenen Reihen nicht nur ein solches Insekt befindet, sondern tausende, vielleicht Millionen.‹ […] ›Die da wären?‹, fragte Drašković. ›Juden und Sozialisten.‹ Ambros leerte sein Glas mit einem Zug.“ (Raphaela Edelbauer, Die Inkommensurablen. Roman, Stuttgart 2023, S. 137.) Die hier sich offenbarende ideologische Disposition wird, zumindest in maßgeblichen gesellschaftlichen Schichten, noch lange Zeit bestimmend sein.