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Seinerzeit

Autor
Hans Egger

Seinerzeit

Untertitel
27 Ausflüge in die Erdgeschichte zwischen Rheinfall und Arlberg
Beschreibung

Geheimniskrämereien und kein Fantasy-Stuss Heutige Buchhandlungen sind geradezu Geheimniskrämereien, in denen der Leserschaft Mysterien aller Art aufgetischt werden. Nur eine kleine Auswahl der austauschbaren Titel : Die „Geheime Sprache der Bäume“ wird genauso angeboten wie die „Geheime Sprache der Katzen“, das „Geheime Leben der Bäume“ genauso wie das „Geheime Leben der Insekten“ und natürlich darf auch das „Geheimnisvolle Leben der Pilze“ nicht fehlen. Sogar die Geheimnisse der Meeresschildkröten und Winterschläfer werden schonungslos aufgedeckt. Da kann ich nicht mithalten ! Mit Leckerbissen für Geheimnishungrige kann dieses Buch nicht dienen ! Statt nebulösem Gefasel über die Geheimnisse der Gesteine, widmet es sich konkreten Ergebnissen geologischer Forschung aus der weiteren Umgebung des Bodensees. Dieses Wissen ist allgemein zugänglich und nichts daran ist mysteriös, obgleich die Schilderungen mancher erdgeschichtlichen Vorgänge klingen wie der übliche Fantasy-Stuss. Oder hört es sich etwa nicht fantastisch an, dass die heutigen Alpenberge zu einem großen Teil aus Meeressedimenten bestehen, dass einst Vulkane gleich westlich des späteren Bodensees aktiv waren, dass kilometerdickes Gletschereis die Alpentäler füllte, dass auch der Bodensee seine Entstehung den Gletschern verdankt, oder dass der Alpenrhein einst ein Quellfluss der Donau war ? Es ist eine Welt voller Merkwürdigkeiten, in die wir eintauchen, um die Entstehung der heutigen Landschaft zu verstehen. Dazu müssen wir uns mit der Vergangenheit beschäftigen, mit der Welt von gestern, vorgestern und vorvorgestern. Diese erstaunlichen und faszinierenden Urwelten sind nur über einen einzigen Weg erreichbar : Es ist der Weg über die Gesteine ! Einzig und allein die Gesteine geben Auskunft über die Geschichte der Erde und ihre früheren Bewohner. Nirgendwo sonst sind diese Geschichten aufgezeichnet, und die Geologie ist die einzige Wissenschaft, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, diese Botschaften aus längst vergangenen Zeiten zu entziffern. Gestein und Landschaft sind untrennbar miteinander verbunden. Deshalb sind Geologen – egal ob männlich, weiblich oder divers – nicht nur Gesteins-, sondern auch Landschaftsversteher. Das, was wir heute als Landschaft sehen, ist das Ergebnis eines viele Jahrmillionen dauernden Prozesses. In einer Zeit, in der die Alpen weitgehend zu einem Tummelplatz für Bauspekulanten, Kraftwerksbauer, Touristenmassen und ­Sportbegeisterte verkommen sind, geht der Respekt und die Wertschätzung für diesen Lebensraum immer mehr verloren. Die Zerstörung der alpinen Landschaft durch Liftanlagen, Seilbahnen, Beschneiungsteiche, Schipisten, Fahrstraßen, Mountainbike-Trails, Hotels, Chalet-Dörfer, Windräder, Strommasten, Speicherkraftwerke et cetera schreitet in erschreckendem Tempo voran. Verblüffend ist der geringe Widerstand gegen diese Verwüstung. Ist es uns gleichgültig geworden in welcher Umwelt wir leben ? Sind wir schon so abgestumpft, dass wir Umwelt­zerstörung nicht mehr wahrnehmen ? Oder haben sich viele von uns der Natur so entfremdet, dass sie diese nur noch im Hinblick auf ihre Tauglichkeit als ­Abenteuerparcours oder Selfiekulisse bewerten ? Ein besonders drastisches Beispiel für fehlende Naturwahrnehmung erlebte ich, als ich an einem heißen Augusttag vom Monzabonsee über Almwiesen hinunter nach Zürs am Arlberg wanderte und mich plötzlich umgeben fand von bergaufwärts laufenden Menschen, die sich den Hang heraufquälten. Ich war in die sogenannte Trail Challenge geraten, eine Art Bergmarathon, der hier jedes Jahr veranstaltet wird. An der Querung eines Bachs beobachtete ich eine Gruppe hipper Sportlerinnen, die mit den Plastikbechern, die sie vom Veranstalter mit auf den Weg bekommen hatten, Wasser schöpften und gierig tranken. Dann schnell ein paar Selfies, zwischendurch ein wimpernklimpernder Blick auf den Fitness-Tracker und – dalli ! dalli ! – weiter ging es. Sie sprinteten los, als wäre ein Schwarm Erd­wespen hinter ihnen her und hechelten mit auf den Boden gehefteten Blick an mir vorbei. Ihre Selbstmarterung ließ mich an jene religiösen Fanatiker denken, die im Mittelalter durch die Gegend zogen und sich dabei geißelten. Als ich zur Stelle kam, wo die Frauen getrunken hatten, sah ich – Vorsicht, das Folgende könnte verstörend wirken ! –, dass der Bach dort vollgeschissen war mit Kuhfladen und Pferdeäpfeln. Der „Naturgenuss“ der flotten jungen Damen war also im wahrsten Sinn des Worts getrübt ; hoffentlich hatte die Ross( knödel )kur keine gesundheitlichen Probleme zur Folge. Wieso diese totale Wahrnehmungsverweigerung ? Wieso laufen Leute, die keine Augen für ihre Umwelt haben, draußen herum, wo sie doch genauso gut durch einen fensterlosen Keller rennen könnten ? Schon im Jahr 1854 schrieb Henry David Thoreau in seinem berühmten Buch „Walden“: Wozu diese verzweifelte Jagd nach Erfolg, noch dazu in so waghalsigen Unternehmungen ? Fast zwei Jahrhunderte später, in der sogenannten Leistungs- und Konsumgesellschaft, ist diese Frage noch viel drängender geworden. Heute zählt die Jagd auf Rekorde, jeder und jede will buchstäblich hinauf auf den Mount Everest, wo inzwischen Müllhalden und lange Warteschlangen unterhalb des Gipfels zum gewohnten Bild gehören. Dieses Buch vertritt eine gänzlich andere Philosophie : Es ist ein Plädoyer fürs umweltschonende simple Gehen und Schauen, ohne großen Aufwand, ohne Spezialausrüstung, nur mit aufgesperrten Augen und Ohren. In einer Zeit, in der sich viele Menschen von ihren Smartphones möglichst schnell irgendwohin führen lassen, ohne nach links oder rechts zu blicken, scheint es mir wichtig, einen anderen Umgang mit der Umwelt zu propagieren und – es mag abgedroschen klingen, denn schon vor mehr als 2.000 Jahren tat Konfuzius ihn kund – dieser heißt : Der Weg ist das Ziel ! Rekordjäger und andere Selbstdarsteller werden das uninteressant finden, denn hier geht es nicht darum, mit scheinbaren Triumphen über die Natur zu protzen, sondern darum, sich Zeit zu lassen, offen zu sein für zufällige Beobachtungen am Wegesrand. Gehen als Akt ununterbrochener Aufmerksamkeit für die umgebende Natur, um das Staunen über ihre Vielfalt und den Reichtum, der uns umgibt, wieder zu lernen. Dazu muss man nicht um die Welt fliegen : Wunderbare Entdeckungen warten – bildlich gesprochen – auch direkt vor der eigenen Haustür.

Verlag
Pfeil, F
ISBN/EAN
978-3-89937-319-6
Preis
48,00 EUR
Status
lieferbar