
Bis in die achtziger Jahre hinein wurde die Auffassung vertreten, daß sich aus der Unmöglichkeit der Durchführung von Laborexperimenten in den Sozialwissenschaften ein grundlegender Unterschied zwischen den Natur- und Sozialwissenschaften ergibt. Diese Auffassung wurde bis vor kurzem auch von Wirtschaftswissenschaftlern geteilt. Die Anzeichen mehren sich, daß diese Auffassung nicht mehr länger Gültigkeit beanspruchen kann. Die geradezu explosionsartig gestiegene Zahl der Experimente - man könnte geradezu von einer experimentellen Revolution in den Wirtschaftswissenschaften sprechen - belegt und unterstreicht inzwischen nachdrücklich die prinzipielle Möglichkeit der Durchführung von Laborexperimenten. Diese Entwicklung ist sowohl aus wissenschaftssoziologischer als auch aus methodologischer Sicht interessant, wirft sie doch unter anderem die Frage nach den Ursachen für die veränderte methodologische Auffassung über die Rolle kontrollierter Experimente in den Wirtschaftswissenschaften auf. Ist sie als ein Indiz dafür anzusehen, daß sich das Wissenschaftsprogramm der Ökonomen in den letzten zwanzig Jahre geändert hat? Oder ist die zunehmende Bedeutung kontrollierter Experimente auf theoretische Entwicklungen innerhalb der Wirtschaftswissenschaften zurückzuführen? Oder läßt sich die Entwicklung wissenschaftssoziologisch durch Neuerungen in der Computertechnologie erklären, die zu einer Senkung der relativen Preise kontrollierter Experimente geführt haben? Zugleich stellt sich aber auch die Frage nach der Relevanz anderer Experimentalformen. Denn immerhin haben Experimente unterschiedlichster Art im wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsprozeß immer schon eine wichtige Rolle gespielt. Feldexperimente, Rechenexperimente, Computerexperimente, soziale Experimente sind nur eine kleine Auswahl von geläufigen Experimentbegriffen in den Wirtschaftswissenschaften. Ist die rapide Zunahme von Laborexperimenten auch als Beweis für die Inferiorität anderer Experimentalformen zu werten? Oder gibt es Problembereiche, bei denen andere Experimentalformen zweckmäßiger als kontrollierte Experimente sind? Oder können verschiedene Experimentalformen komplementär zueinander sein? Eine Beantwortung dieser Fragen setzt einen weiten Experimentbegriff voraus. Ein solcher Experimentbegriff wird diesem Band zugrunde gelegt und bestimmt auch die Auswahl der zu behandelnden Experimentalformen. Der vorliegende Band gibt einen Überblick über verschiedene Arten von Experimenten und ihren methodischen Status in den Wirtschaftswissenschaften. Behandelt werden Fragestellungen, Techniken, Ergebnisse und Probleme von Labor-, Rechen- und Feldexperimenten auf verschiedenen Gebieten der Ökonomie wie z.B. Finanzwissenschaft, Arbeitsmarkt- und Makroökonomie. Die Aufsätze geben Aufschluß darüber, welchen Beitrag Experimente bei der Theorieprüfung und -entwicklung sowie bei der Lösung wirtschaftspolitischer Probleme zu leisten vermögen. Die Autoren diskutieren diese Frage aus unterschiedlichen Perspektiven, indem sie anhand von ausgewählten Beispielen häufig praktizierte Experimente darstellen sowie sich kritisch mit dem Erkenntnisgewinn derartiger Experimente auseinandersetzen. Inhalt: Ernst Fehr, Simon Gächter: Soziale Kräfte und Lohnbildung: Einsichten aus der experimentellem Arbeitsmarktforschung Frans van Winden, Ronald Bosman: Experimental Research in Public Economics Otwin Becker, Friedel Bolle: Expectations in Economics: Rational or not? Reinhard Tietz: Experimentelle Wirtschaftsforschung - Wege zur Modellierung eingeschränkter Rationalität Geert Woltjer: Experimental Macroeconomics James Heckman, Jeffrey Smith: Social Experiments: Theory and Evidence Gregor Brüggelambert: Marginal Trade und die Hayek-Hypothese: Erfahrungen mit der computerisierten Börse Maik Heinemann: Künstliche Experimente und Konjunkturforschung: Eine exemplarische Betrachtung des wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritts Hans Fehr, Wolfgang Wiegard: Numerische Gleichgewichtsmodelle: Grundstruktur, Anwendung und Erkenntnisgehalt Bruno S. Frey, Iris Bohnet: Experiments, Theory - and Reality?