Zum Buch:
Das eigentliche Ziel für den Abwurf der zweiten Atombombe war die südjapanische Festungsstadt Kokura. Nur durch einen Zufall blieb diese jedoch verschont: Einer der Wissenschaftler des auf dem Rollfeld startbereiten B-29-Bombers hatte seinen Fallschirm vergessen und wurde daher vom Piloten aus der Maschine verwiesen. Das kostete Zeit. Als die Abwurfstelle schließlich erreicht war, war der Himmel bereits zu bedeckt. Das Ersatzziel hieß Nagasaki.
Wohl in den meisten Geschichtsbüchern steht geschrieben, die im August 1945 über Japan abgeworfenen Atombomben hätten zur Kapitulation des Kaiserreichs und damit zum Ende des Zweiten Weltkriegs geführt. Ganz besonders jene zweite Bombe über Nagasaki. Doch das stimmt nicht. Selbst hochrangige US-Militärs zeigten sich nach Bekanntwerden des zweiten Abwurfs beschämt, war doch in ihren Kreisen längst bekannt, die japanische Kriegsmaschinerie liege am Boden; Moskau, der Partner Japans in einem Nicht-Angriffs-Pakt, sei bereits mehrmals um Vermittlung zu Kapitulationsgesprächen gebeten worden.
Doch die Falken in Washington hatten das ignoriert. Die Russen standen kurz davor, ihren Pakt mit den Japanern zu brechen und in die Mandschurei einzumarschieren. Bei Nichtabwurf hätte man, nach heutiger Kaufkraft, Milliarden Dollar im zweistelligen Bereich verschwendet.
Sie wollten diese zweite Bombe. Sie wollten sie unbedingt. Denn dieser Vernichtungsschlag kam einem Feldversuch unter Kriegsbedingungen gleich.
Hiroshima wurde in den Morgenstunden überrascht. Für das Ersatzziel Nagasaki hatte man den frühen Nachmittag abgewartet, um möglichst viele Menschen im Freien anzutreffen – zudem war man darauf bedacht, sauberes Bildmaterial mit nach Hause bringen zu können.
Die tausende Grad heiße Hölle, die am 9. August 1945 über Nagasaki vom Himmel fiel, ließ in Sekundenschnelle über neunzigtausend Menschen zu Staub zerfallen. Fast ausschließlich Zivilisten. Die Zahl derjenigen, die an den Folgeschäden starben, ging in die Hunderttausende. Ungezählt das Leid jener, die zwar überlebt, an diesem Tag jedoch alles verloren hatten. Für immer.
Jemand hat einmal gesagt, die größte Katastrophe sei das Vergessen.
Klaus Scherer hat mit seinem beeindrucken Buch einen Bremsklotz gegen das Vergessen geschaffen, indem er faktenreich und schlüssig über ein Verbrechen berichtet, dessen Aufarbeitung seit siebzig Jahren auf sich warten lässt. Neben seiner aufwendigen Recherchearbeit hat er neben Historikern und Wissenschaftlern auch Zeitzeugen befragt. Wie zum Beispiel Chieko Ryu, die im Kindesalter das Grauen überlebt hat. Oder wie William Barney, vierundneunzig Jahre alt, das letzte lebende Crewmitglied jenes Bombers, welcher die zweite und hoffentlich letzte Atombombe über die Menschheit brachte.
„Nagasaki – Der Mythos der entscheidenden Bombe“ ist eines der bemerkenswertesten Sachbücher, die in diesem Jahr bisher erschienen sind. Ein aufwühlendes Buch, dem man nur viele weitere Leser wünschen kann.
Axel Vits, Der andere Buchladen, Köln