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Autor
Seierstad, Åsne

Einer von uns

Untertitel
Die Geschichte eines Massenmörders. Aus dem Norwegischen und Englischen von Frank Zuber und Nora Pröfrock
Beschreibung

Was im Juli 2011 auf der Binneninsel Utoya geschehen ist, hat sich tief in die Seelen der Norweger eingebrannt und zugleich weltweites Entsetzen ausgelöst. Wie konnte es nur zu dieser unfassbaren Tat kommen? Wer war dieser Anders Breivik? Dies ist die Geschichte eines Massenmörders – und sie geht uns alle an.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Kein & Aber, 2016
Format
Gebunden
Seiten
544 Seiten
ISBN/EAN
978-3-0369-5740-1
Preis
26,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Åsne Seierstad, geboren 1970 in Oslo, ist international eine der renommiertesten Kriegsberichterstatterinnen und Bestsellerautorin. Sie arbeitet als Korrespondentin für verschiedene skandinavische Zeitungen und das Fernsehen in Russland, China, auf dem Balkan, in Afghanistan und dem Irak.

Zum Buch:

»Mit dem Gewehr da können Sie aber nicht auf die Insel. Sie erschrecken ja alle.« Monica Bosei, eine beherzte Mittvierzigerin und seit zwanzig Jahren Verwalterin auf Utoya, musste gespürt haben, dass etwas an diesem Mann in Polizeiuniform seltsam war, der gerade mitsamt Waffe und schwerem Rollkoffer von der Fähre stieg. Nur wenige Minuten später wurde sie von einer Kugel niedergestreckt und fiel mit dem Gesicht voran ins nasse Gras. Einige zu Tode verängstigte Kinder, die das Geschehen von weitem mit ansehen mussten, liefen schreiend auseinander und suchten Verstecke.

Es ist früher Abend. Auf der Binnenseeinsel Utoya findet das alljährliche Zeltlager der größten politischen Jugendorganisation Norwegens statt – 560 Jugendliche befinden sich zu diesem Zeitpunkt auf der gerade mal zehn Hektar großen Insel. Als der Mann über der Frau steht, gibt er aus nächster Nähe zwei weitere Schüsse auf sie ab. Dann geht er weiter. An diesem Abend werden auf der Insel 69 Leben ausgelöscht. In der Hauptsache sind es Kinder und Jugendliche, die überwiegend aus kürzester Entfernung regelrecht exekutiert werden. Später stellt sich heraus, dass sich in dem schweren Rollkoffer 3000 Schuss Munition befunden haben.

Anders Behring Breivik wurde 1979 im wohlhabenden Westen Oslos geborenen. Ein Jugendpsychologe erkannte bei dem Jungen eine ernsthafte Entwicklungsstörung, die aber nicht weiter verfolgt wurde. Da war er gerade mal vier. Neun Jahre später ließ er sich aus eigenem Antrieb christlich taufen, wurde Mitglied einer Graffiti-Bande, gründete ein paar Jahre darauf mehrere halblegale Scheinfirmen, versuchte sich im Schmuggel mit Diamanten, lebte monatelang in dem von ihm so genannten „Furzzimmer“ bei seiner Mutter und spielte World of Warcraft, verfasste ein meist aus geklauten Texten zusammengeschustertes Manifest, in dem er unter anderem die ethnische Säuberung Europas von Muslimen forderte, mietete einen abgelegenen Bauernhof, bastelte an einer Bombe, besorgte sich Waffen und Munition und fuhr am 22. Juli 2011, als Polizist verkleidet, in einem Mietwagen in die Osloer Innenstadt.

Was war der wirkliche Auslöser dieser unfassbaren Tat? Wie konnte ein so durchschnittlich intelligenter und offensichtlich verwirrter junger Mann derart davon überzeugt sein, das Richtige zu tun, als er Dutzende Kinder erschoss und sich hinterher als Martyrer für eine Sache darstellte, die er nicht mal richtig in eigene Worte fassen konnte? Und wie kam es, dass die Norwegische Polizei am Tag der Tat auf so breiter Linie komplett versagt hatte?

„Einer von uns“ ist gewiss kein Buch für den Strand. Die Wahl, eine solche Tat in literarischer Form darzustellen, kommt einem Spagat gleich, denn nicht nur muss man das Trauma der Angehörigen berücksichtigen, man darf auch nicht vor unschönen Details zurückschrecken und muss abwägen, was zumutbar ist. Anders geht es nicht. Der in Oslo geborenen Journalistin und Autorin Asne Seierstad ist dieser Spagat mit Bravour gelungen.

Axel Vits, Der andere Buchladen, Köln