Zum Buch:
Im Frühjahr 1945 hätte sich selbst für die hartnäckigsten der Führungsriege des NS-Regimes im Bunker in Berlin zeigen können, dass der „Endsieg“ in dem Krieg, den sie 1939 entfacht hatte, nicht mehr zu erreichen war. Da befürchtet wurde, dass die vorrückenden westlichen Alliierten und die Rote Armee durch ihren Vorstoß von beiden Seiten Deutschland in der Mitte zerschneiden würden, teilte Hitler die militärische und zivile Führung in die Stäbe Nord und Süd auf, um militärisch handlungsfähig zu bleiben. Im Norden übernahm Großadmiral Dönitz das Kommando – zuerst in Plön, später in Flensburg. Kurz bevor Hitler am 20. April Selbstmord beging, hatte er Dönitz testamentarisch zu seinem Nachfolger erklärt und ihn auf die NS-Ideologie verpflichtet. Dönitz stimmte dem zu und wurde damit zum Kopf der letzten amtierenden Reichsregierung. Selbst nach der offiziellen Kapitulation am 8. Mai 1945 war diese der Meinung, mit den westlichen Alliierten über die Geschicke im besiegten Deutschland und damit auch über die eigene Zukunft verhandeln zu können.
Für wenige Woche wurde Flensburg zum Treffpunkt unterschiedlichster Personengruppen mit verschiedensten Bedürfnissen und Interessen. Die kleine, bisher vom Krieg weitgehend verschonte Stadt wurde überrannt von Flüchtlingen aus dem Osten, von befreiten KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern, von Menschen, die die Briten weniger fürchteten als die Rote Armee, aber auch von Nazigrößen wie Himmler, Speer oder von SS-Führern, die über Schleswig – über die „Rattenlinie Nord“ – Fluchtwege nach Skandinavien suchten, und von Spionen, die genau dies verhindern wollten. Binnen kurzem war Flensburg hoffnungslos überfüllt,und es herrschte pures Chaos.
Den Briten, die am 10. Mai in Flensburg einmarschierten, präsentierte Dönitz sich und seine „Mitarbeiter“ als legitimierte Übergangsregierung. In deren Plänen und Auftreten bündelte sich noch einmal die Egomanie, Ignoranz und Arroganz des menschenverachtenden, rassistischen NS-Systems, das trotz des Wissens um Hitlers Tod und das Endes ihres Regimes noch Todesurteile gegen angebliche Deserteure verhängte und in maßloser Selbstüberschätzung meinte, die Alliierten spalten und so den Siegern ihre Bedingungen zur Kapitulation aufzwingen zu können. Dass die Briten dies anfangs duldeten, war der vollkommenen Unübersichtlichkeit der Lage, aber auch der aufkommenden Uneinigkeit zwischen Stalin und den Westlichen Alliierten geschuldet, die ihrerseits auch noch keine einheitlichen Vorstellungen für die Zukunft Deutschlands hatten. In dieser Uneinigkeit war bereits der Keim der kommenden Konflikte zwischen Ost und West angelegt.
Die Politologin Svenja Falk hat für ihr Buch in Archiven und Bibliotheken eine Unmenge an Fakten gesammelt und zu einer spannenden Geschichte zusammengefügt. Um sich in der Fülle des Materials nicht zu verzetteln, folgt sie in ihrer Darstellung den einzelnen Tagen vom 30. April bis zum 23. Mai, als die Mitglieder der Regierung Dönitz verhaftet wurden. Das liest sich flüssig, führt aber manchmal auch zu Wiederholungen. Man kann sich fragen, ob der Aufenthalt von Beate Uhse oder Siegfried Unseld in Flensburg, der keinen Einfluss auf das Ganze hatte, wirklich wichtig war. Aber das sind Kleinigkeiten. Die letzten Tage der Diktatur verknüpft geschickt – und unterhaltsam – historische Fakten mit atmosphärisch dichten Schilderungen von Einzelschicksalen und fügt dem Kapitel Kriegsende eine neue Facette hinzu, in der die unmittelbare Vergangenheit und die sich seinerzeit abzeichnende Zukunft Deutschlands in einem komplexen Bild gebündelt werden.
Ruth Roebke, Frankfurt a. M.