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trotzdem da! sind Kinder, deren Eltern sich nie hätten zusammentun dürfen. Ihre Eltern waren zwischen 1941 und 1945 Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter*innen auf der einen und deutsche „Volksgenoss*innen“ auf der anderen Seite. Für die NS-Behörden waren sie „unerwünschte Kinder“. Dass sie trotzdem da sind, ist auf eine besondere Art ein Form des Widerstands gegen die Menschenfeindlichkeit.
In einem Projekt an der Gedenkstätte Sandbostel erzählten einige dieser „unerwünschten Kinder“ ihre Familiengeschichten, oft das erste Mal, oft kennen sie die Geschichte ihrer Eltern bis heute auch nur bruchstückhaft. Es entstanden eine Wanderausstellung, Video-Dokumentationen von Interviews und ein Dokumentarfilm. Der Katalogband zu dem Projekt enthält die Texte der Wanderausstellung und vertiefende Texte zum Projekt. Auch die Video-Elemente der Ausstellung sind über QR-Codes mit dem Katalog aktivierbar.
In dem Katalogband werden – wie in der Wanderausstellung – neun Personen portraitiert, sie stehen exemplarisch für die vielen unterschiedlichen Familiengeschichten. Wobei es genauer ist, von Herkunftsgeschichten zu sprechen, denn nur in wenigen Fällen konnte sich das Elternpaar mit dem Kind zu einer Familie zusammenfinden. Ein Beispiel: Ingelore Prochnow, heute eine Aktive in der Lagergemeinschaft Ravensbrück. Sie wurde im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück geboren und blieb dort mit ihrer Mutter bis zur Befreiung. Da war sie ein Jahr alt. Erst mit 40 Jahren begann sie nach ihren Eltern zu suchen. Ihren Adoptiveltern hatte sie versprechen müssen, das nie zu tun. Nun fand sie heraus, wo sie geboren wurde und auch, wer ihre Mutter war. Aber diese verweigerte eine Beziehung zu ihrer Tochter. Jahre später konnte sie den Namen ihres polnischen Vaters ermitteln. Aber sie wagte es nicht, mit dessen Familie Kontakt aufzunehmen. Sie fürchtete eine weitere Enttäuschung. Diese Geschichte könnte vollkommen hoffnungslos erscheinen, wenn nicht eine Überlebende des KZ Ravensbrück ihr beschrieben hätte, dass sie im Lager „viele Mütter hatte“ und nur durch die Solidarität unter den Frauen hätte überleben können. Die Lagergemeinschaft Ravensbrück wurde so etwas wie Ingelore Prochnows Familie.
Zentrale Fragen haben das Projekt begleitet, sie lassen sich ebenso an viele andere Familiengeschichten stellen: Wer erzählt Familiengeschichte? Was macht Geschichte mit mir? Muss man wissen, woher man kommt, um zu wissen, wer man ist? Kann man mehr als ein Zuhause haben? Wessen Geschichte bleibt unerzählt? Worüber wird in Familien gesprochen – und worüber nicht?
Die Gedenkstätte Sandbostel am Ort eines Kriegsgefangenenlagers wird zu einem Begegnungsort. Im Rahmen des Projektes trafen Teilnehmende die Gruppe Multi-peRSPEKTif (Denkort Bunker Valentin). Das ist eine sehr diverse Gruppe von Menschen, die ihre eigenen Geschichten mit den Erzählungen der „unerwünschten Kinder“ in Bezug setzten. Bei den Treffen entwickelte sich das Zuhören in die eine und die andere Richtung, es entstand wiederum ein Dokumentarfilm: „The Lion is Telling the Story of the Forest“. Mit Gerd A. Meyer erkunden die Teilnehmenden das Dorf, in dem dessen Vater, ein sowjetischer Kriegsgefangener, und seine Mutter sich kennenlernten. Meyer ist in dem Dorf aufgewachsen, und so ist seine Lebensgeschichte und der Umgang der Dorfbevölkerung mit dem „Russenkind“ Teil der Erkundung. Es ist ihm gelungen, zur Familie seines Vaters eine Beziehung aufzubauen, die allerdings heute von den Differenzen über den russischen Krieg gegen die Ukraine überschattet ist. In den Gesprächen, die sowohl intergenerationell als auch sehr international funktionieren, wird deutlich, wie wichtig den heute ja sehr alten „Kindern“ die politische Konsequenz ist, die sie aus der eigenen Erfahrung mit ihrer gebrochenen Familiengeschichte ziehen. Die Gewaltgeschichte des Zweiten Weltkrieges und seine Nachgeschichte(n) sind für alle Beteiligten konkrete Lebensgeschichten.
Den Fragen des Ausstellungsprojektes fügen die Leute von Multi-peRSPEKTif noch zwei Fragen hinzu: „Welche Beziehungen sind für uns selbstverständlich und entsprechen der Norm? Und warum empfinden wir einige Beziehungen als Tabu?“
Die Wanderausstellung „trotzdem da!“ Gibt es in einer vollständigen und in einer kleineren Version. Die kleine Version ohne die Medienstationen steht bis zum 16. August 2026 im Geschichtsort Adlerwerke in Frankfurt am Main
>https://geschichtsort-adlerwerke.de/ausstellung/< und danach in der Gedenkstätte Breitenau in Nordhessen.
Die nächste Station der vollständigen Version ist vom 03.September bis 29. Oktober 2026 in der Gedenkstätte KZ Osthofen, Ziegelhüttenweg 38, 67574 Osthofen
Weitere Stationen: https://trotzdemda.de/
Gottfried Kößler, Frankfurt a.M.