Zum Buch:
Judith Hermann hat ihren Großvater nie gekannt, er ist vor ihrer Geburt gestorben. Ihre Mutter sagt, sie wisse kaum etwas über ihn, da er die Familie verlassen habe, als sie noch ein Kind war. Unklar bleibt, ob sie sich nicht erinnern kann oder unangenehmen Fragen ausweichen will. Dass er ein überzeugter Nationalsozialist war und die Tätowierung unter seinem linken Arm das Zeugnis seiner Mitgliedschaft in der Waffen-SS, ist ein offenes Geheimnis in der Familie, das nie thematisiert wurde. Die Mutter wehrt Fragen mit der Begründung ab, ihre Tochter würde literarisieren, was immer sie sage.
Irgendwann übergibt die Mutter der Autorin eine Kiste mit Fotos, von denen das eine sie besonders fesselt, das den Großvater im Juli 1941 auf einem Motorrad der SS auf einem Platz in Radom in Polen zeigt. Dort hatten die Nazis 1941 zwei Ghettos errichtet, in denen mehr als 300.000 Menschen zusammengepfercht wurden. Bereits 1942, der Großvater war noch dort, wurde das Ghetto innerhalb kürzester Zeit geräumt. Ein Großteil der Zwangsbewohner wurde nach Treblinka und Auschwitz transportiert, der „Rest“erschossen.
Da sämtliche Nachforschungen bei unterschiedlichen Behörden ohne Ergebnis bleiben, entschließt sich Hermann, nach Polen zu fahren. Was sie dort sucht und wie sie vorgehen will scheint ihr selbst unklar zu sein. Sie streift in der kalten, seltsam leeren Stadt herum, sitzt in Cafés, geht ins Historische Museum und sucht nach dem Platz auf dem Foto. Kontakte zu Menschen, die ihr Auskünfte geben könnten, scheint sie nicht zu finden und die wenigen Institutionen, die sie anschreibt, reagieren nicht. Die Leerstelle um den Großvater bleibt.
Anschließend fährt sie nach Neapel zu ihrer Schwester, die in Italien verheiratet ist und als Archäologin in Pompeji arbeitet. Hermanns Versuche, ihre Polenfahrt zu thematisieren, schlagen fehl, nie entsteht eine Nähe, die ein Sprechen über die Familie möglich macht – zu unterschiedlich sind die beiden Schwestern. Während Hermann nachdenklich ständig Gegenwart und Vergangenheit hinterfragt, besteht ihre Schwester, die professionell buchstäblich in der Vergangenheit gräbt, darauf, in der Gegenwart zu leben und alles Verstörende weitgehend auszublenden.
Ich will zurückgehen in der Zeit lässt seine Leser*innen mit mehr Fragen als Antworten zurück: Wie lebt man mit mit den verschwiegenen Stellen im Leben der Eltern oder Großeltern? Was haben diese den Nachkommen hinterlassen und welchen Einfluss hat das auf deren Leben? Wie damit umgehen? Soll man ans Licht bringen, was die anderen gerne im Dunkel lassen wollen? Was tut man ihnen an, wenn man darauf beharrt, die „Wahrheit“ zu erfahren? Wann wird Schweigen zum Verschweigen? Und was geschieht, wenn trotz aller Bemühungen keine Klarheit zu erreichen ist? Diese Fragen offen zu lassen, ist eine Stärke des Textes. Judith Hermann ist eine Meisterin des ungefähren Erzählens, in dem alles so, aber auch ganz anders gewesen sein kann oder sogar beides zugleich. Das in einer wundervollen, poetischen Sprache geschriebene Buch gibt viel Stoff zum Nachdenken.
Ruth Roebke, Frankfurt a. M.