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Autor
Bator, Johanna

Die Flucht der Bärin

Untertitel
Aus dem Polnischen von Lisa Palmes
Beschreibung

Joanna Bators verwebte in ihrem letzte Buch Bitternis (Suhrkamp, 2023) Szenen aus dem Leben von vier Frauengenerationen zu einem Roman, in dem Geschichte weniger als Chronologie denn als sedimentierte Ebenen erscheint. In der Erzählungssammlung Die Flucht der Bärin, wieder in der gekonnten Übersetzung von Lisa Palmen, sind diese Ebenen nicht generational und genealogisch verbunden, sondern punktuell. Kurzlebige, aber lebensverändernde Freundschaften, entfernte Verwandtschaften, freundlich verbundene, aber distanzierte Kollegialität: das sind die Verbindungen, die zwischen den Figuren und damit ihren Geschichten aufscheinen.

(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Suhrkamp, 2026
Format
Gebunden
Seiten
317 Seiten
ISBN/EAN
978-3-518-43285-3
Preis
26,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Joanna Bator, 1968 geboren, publizierte in wichtigen polnischen Zeitungen und Zeitschriften und forschte mehrere Jahre lang in Japan. Die deutsche Übersetzung ihres Romans Sandberg durch Esther Kinsky war ein literarisches Ereignis. Seither gilt Joanna Bator als eine der wichtigsten neuen Stimmen der europäischen Literatur. Für Dunkel, fast Nacht (2012) wurde sie mit dem NIKE, dem wichtigsten Literaturpreis Polens, ausgezeichnet. Joanna Bator ist Hochschuldozentin und lebt in der Nähe von Warschau.

Lisa Palmes, geboren 1975 in Münster, hat u.a. Werke von Wojciech Jagielski, Lidia Ostałowska, Filip Springer, Olga Tokarczuk und Joanna Bator übersetzt. Für ihre Arbeit wurde sie vielfach ausgezeichnet, zuletzt 2017 mit dem Karl-Dedecius-Preis und 2019 mit dem Sonderpreis des Riesengebirgspreises für Literatur.

Zum Buch:

Joanna Bators verwebte in ihrem letzte Buch Bitternis (Suhrkamp, 2023) Szenen aus dem dem Leben von vier Frauengenerationen zu einem Roman, in dem Geschichte weniger als Chronologie denn als sedimentierte Ebenen erscheint. In der Erzählungssammlung Die Flucht der Bärin, wieder in der gekonnten Übersetzung von Lisa Palmen, sind diese Ebenen nicht generational und genealogisch verbunden, sondern punktuell. Kurzlebige, aber lebensverändernde Freundschaften, entfernte Verwandtschaften, freundlich verbundene, aber distanzierte Kollegialität: das sind die Verbindungen die zwischen den Figuren und damit ihren Geschichten aufscheinen.

Die Topographie, über der sich diese Geschichten als Flickenteppich ausbreiten, liefert das polnische Wałbrzych; ein Ort, dessen Name klingt, als würde man sich gleichzeitig räuspern und niesen, wie es einer der Charaktere beschreibt. Eine Großstadt mit der Atmosphäre einer vergessenen Kleinstadt, geprägt vom intergenerationalen Trauma von Schuld und Verlust in dem ehemals von Deutschen besetzten Polen; in der Umgebung: kleinere Dörfer, vergessene, verlassene oder prunkvolle Landhäuser in dichten Wäldern; einzelne Ausreißer: auf Kreta, an der spanischen Küste oder in Japan; das sind die Kulissen der Erzählungen. Viele sind geprägt von unverhofften, ungeplanten Neuanfängen: Nach dem Tod des Haustiers verschwindet der Ehemann aus der routiniert gebuchten Ferienunterkunft. Was klingt wie das Ende einer gescheiterten Geschichte, wird unverhofft zu einem befreienden Neuanfang für beide Partner. In einer anderen Geschichte plant eine erfolgreiche Lyrikerin ihren Freitod, nachdem sie die stärkerwerdenen Anzeichner jener Demenz an sich entdeckt, die ihrem Vater im Alter zu einem gänzlich anderen Menschen hat werden lassen. Welche Erinnerung würde sie immer und immer wieder erzählen, auch wenn sie nichts anderes mehr wiedererkennt? Wie lässt sich dieser Freitod auf pragmatische Weise organisieren, wenn das Gedächtnis unverlässlich ist? Die Erzählweise von Joanna Bator ist immer voller Zärtlichkeit und einer fast abgeklärten Genauigkeit gegenüber den Details ihrer Geschichten und Personen. Sie stehen nicht allegorisch für die großen Themen, sondern vereinen diese großen Fragen in den Momenten, die jedem Leben eigen sind; Momente, in denen etwas beginnt, endet oder ausbleibt. Häufig sind diese Moment nicht das Ergebnis langer Planung und kalkulierten Entscheidungen, sondern entstehen einfach, Menschen überraschen sich selbst mit der Wiederentdeckung ihrer eigenen Handlungsmacht ohne Pathos. Oder eine andere Person eröffnet ihnen eine neue Realität.

Bators Erzählungen setzten unvermittelt ein und schließen häufig nur mit einer Ahnung von Ende, das in der Schwebe bleibt; erst nach ein paar Erzählungen scheinen die Verbindungen zwischen den Protagonistinnen auf und verdichten oder verwirren sich über die Länge des Buches. Der demente Vater der Lyrikerin begegnet einem wieder in der Erinnerung der Stieftochter oder in dem Nachruf seiner Bestatterin. Vereinzelt erscheinen, ebenfalls nicht untypisch für Bators Poetik, phantastische Einschläge, etwa zahme Fledermäuse oder eine sprechende Schildkröte. Diese erscheinen jedoch nicht als fiktive Fremdkörper, sondern als narratives Vehikel zur Vermittlung zutiefst menschlicher Bedürfnisse wie Trauer, Nähe und gegenseitige Verantwortung.

Bators Texte sind zutiefst berührend, ihre Charaktere ebenso tiefgründig wie alltäglich. Nicht der außergewöhnliche Charakter steht im Mittelpunkt, sondern alltägliche Menschen, die traurig sind, die gewohnt sind, einiges auszuhalten, stillzustehen und zu verzichten, denen es aber auch immer wieder unverhofft gelingt, Freude, Hoffnung und Wärme in ihr Leben zu lassen.

Theresa Mayer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt