Zum Buch:
„Dies ist die Geschichte von Bob Burgess, der in der Stadt Crosby im Bundesstaat Maine lebt.“ So beginnt der neueste Roman von Elizabeth Strout, und wer das eine oder andere Buch der Autorin bereits gelesen hat, wird sich sofort zu Hause fühlen und auf die Wiederbegegnung mit alten Freunden freuen. Für alle anderen beginnt damit die Bekanntschaft mit einem kleinen, etwas verschlafenen Küstenstädtchen, seinen „ganz normalen“ Menschen und einem nur scheinbar alltäglichen Leben. Hier kennt jeder jeden, inklusive Familiengeschichte und alte und neue Skandale. Kleinstadt eben. Man spaziert an warmen Frühherbstabenden mit dem Hund durch die Straßen und freut sich, wenn man Bob, den Rechtsanwalt, und seine Frau Margaret, die Pfarrerin, im hell erleuchteten Haus in stiller Harmonie am Tisch sitzen sieht, weil dann die Welt in Ordnung ist. Vielleicht aber auch ein bisschen langweilig? Aber gibt es überhaupt ein langweiliges Leben? Nicht bei Elizabeth Strout. Hier gibt es lange Leben, das schon, aber sie sind vollgestopft mit Glück, Unglück, Schuld, Verrat, Lügen, Missverständnissen, Versuchung, Liebe, Hass. Mit allem eben, was ein Leben ausmacht und allzu selten beachtet wird.
Bob zum Beispiel, jetzt 65 und nur noch sporadisch als Anwalt tätig, unternimmt regelmäßig lange Spaziergänge mit Lucy Barton, der Schriftstellerin, die in der Coronazeit mit ihrem Exmann William wieder nach Crosby gezogen ist. Daran ist nichts Unschickliches; die beiden Paare sind gut miteinander befreundet, und die beiden Frauen verstehen sich gut. Und dennoch werden diese Spaziergänge mit ihren Gesprächen für beide immer wichtiger. Sie sprechen über die Vergangenheit, über Lucys Töchter, über Einsamkeit und alte Traumata, und die daraus entstehende Intimität lässt sich immer schwerer übergehen.
Lucy besucht auch mehr oder weniger regelmäßig die jetzt über 90jährige Olive Kittering im Altersheim, wo sie sich Geschichten erzählen – von eigenen oder fremden Erfahrungen, über Menschen mit „unbeachteten Leben“, die aber Beachtung verdienten – und die Leserin immer wieder zum Nachdenken bringen. Und wie in jeder Kleinstadt gibt es auch hier Verbrechen, gibt es Missbrauch und Mord und Selbstmord und falsche Verdächtigungen, erweisen sich als unangenehm und seltsam abgestempelte Personen plötzlich als erstaunlich begabte und liebenswerte Persönlichkeiten.
Elizabeth Strout entwirft in Erzähl mir alles erneut eine erstaunliche Comédie humaine in einer alltäglichen kleinen Welt, in der sich die große Welt mit all ihren gegenwärtigen Schrecken spiegelt, und sie tut das mit einem so liebenswürdigen wie liebevollen Gestus und in einer Sprache, in deren täuschender Schlichtheit sich die Brutalität wie die Schönheit des Lebens offenbart. Man braucht Zeit und Geduld, um sich auf dieses Buch einzulassen, denn es geht auch um Alter und Altern. Und das braucht bekanntlich und zum Glück vor allem eins: Zeit und Geduld. Und beides lohnt die Lektüre unbedingt.
Irmgard Hölscher, Frankfurt a.M.