Zum Buch:
Erinnerungen an Menschen, an prägende Begegnungen hat Barbara Honigmann in diesem kleinen Buch versammelt. Es sind recht unterschiedliche Personen, die meisten traf Honigmann in den 1970er Jahren. Alle kommen aus jüdischen Familien. Welche Rolle das im Leben der Menschen gespielt hat, von denen die Autorin berichtet, lässt sich nicht leicht sagen. Daher erzählt Honigmann lieber. Sie trägt Geschichten zusammen aus dem Kreis, oder besser dem Kosmos, der ihr Aufwachsen und die Entwicklung ihrer Haltung zur Welt bestimmte.
Barbara Honigmann ist 1949 in Ostberlin geboren, es gab keine Familie im Sinn eines prägenden Zusammenhangs vertrauter Verwandter. Die Eltern waren beide jüdisch und kommunistisch, sie waren aus dem Exil in Großbritannien bewusst in die DDR gegangen, um mitzubauen am besseren, sozialistischen Deutschland. Den Kosmos von Menschen, in dem die Autorin an Stelle einer Familie aufwuchs, stellt sie gleich zu Anfang vor: aus allen Ecken des östlichen Europa, jüdisch, schon in jungen Jahren aktiv in der kommunistischen Bewegung, „im jugendlichen Überschwang aus ihren gutbürgerlichen Familien aufgebrochen, um revolutionären Ideen zu folgen“. Sie hatten sich in Berlin getroffen, wegen der Freizügigkeit der Stadt – aber auch weil es eine der Hauptstädte der Kommunistischen Internationale war. Das titelgebende Portrait von Mischka, in deren Leben ein Kreis von weiteren Frauen wesentlichen Einfluss hat, gehört zu den Texten, die seit ein paar Jahren ähnliche Biographien von kommunistischen Aktivistinnen vorstellen, die um 1920 jung waren. Auch Olga Benario oder Lisa Fittko haben eine sehr ähnliche Jugend gehabt.
Die politische Orientierung dieser Generation junger Kommunist:innen wird durch die stalinistische Normierung der Komintern einerseits und die Verfolgung durch den nationalsozialistischen Staat andererseits zunehmend militant. Zugleich entwickeln sich die politischen Haltungen der Menschen, die später den Kosmos von Honigmanns Jugend ausmachen, weit auseinander.
Mischka ist die wichtigste Person in diesem Buch. Sie war Honigmanns Moskauer Mama und führte sie in die Welt der kommunistischen Dissidenten ein. Mischka gehört zu denjenigen, die in der Sowjetunion die Erfahrung des Gulag gemacht haben. In ihrem Fall waren das 10 Jahre Lagerhaft und danach noch 10 Jahre Verbannung.
Hilde ist für die Autorin die zweite zentrale Frau im Kosmos ihrer Jugend. Wie Mischka ist sie eine Genossin der Eltern aus der Zeit in der Berliner Komintern-Zelle vor 1933. Sie lebt in der DDR und weckt in Honigmann ein Verständnis für jüdische Zusammengehörigkeit; sie versteht sich ausdrücklich als Jüdin, und in ihrem Leben spielt Israel eine wichtige Rolle.
Ganz anders bei Mischka. In ihrer Küche in Moskau kommt das gesamte dissidentische Kulturleben der 1970er zusammen. Honigmann lernt sie alle kennen: Marina Zwetajewa, Alexander Nekritsch, Jewgenija Ginsburg, Lew Kopelew usw. Wegen der Zensur und der restriktiven Haltung der Bürokrat:innen kann Honigmann ihre Recherchen über das Theater Meyerholds nicht durchführen – jedenfalls nicht im Archiv. Stattdessen werden Gespräche, Spaziergänge, Theater und Museumsbesuche ihre Forschungsfelder.
In Gesprächen im Kreis von Honigmanns Eltern in Ostberlin gibt es ein unüberwindliches Schweigen über die beiden zentralen Sphären der Erfahrungen dieser Menschen. Weder die Verfolgung als Juden und die Morde im NS noch die Morde und Inhaftierungen im Stalinismus können besprochen werden. Erst im Kreis von Mischka in Moskau liest Honigmann Jewgenja Ginsburgs Marschroute eines Lebens und hört den Erzählungen der Überlebenden zu. Der Gulag und die Konzentrations- und Vernichtungslager zusammen bilden nun ihre Topographie der Erinnerungen.
Wer weiter liest, erfährt am Ende, wie einige dieser Moskauer Freunde sich in den 1980er Jahren in Mischkas Küche in Köln wieder zusammenfinden und das Gespräch fortführen. Inzwischen wissen die Lesenden auch, wie es ihr im Kontinent des Gulag ergangen ist, wo sie zwanzig Jahre lang leben musste. In Köln ist Mischka und ihrem zweiten Mann Naum „ihr Jüdischsein selbstverständlich, aber nicht wichtig, jedenfalls kaum“.
Im zweiten Text portraitiert Honigmann zwei alte jüdische Leute in Straßburg. Auch hier sind es die Hauptpersonen Yvette und Max, aber ebenso ihr Umfeld, ihre Bezugspersonen und oft auch andere Menschen aus dem Leben der Autorin, die 1984 aus Ostberlin nach Straßburg emigrierte. Es geht nun nicht um die kommunistischen Juden/Jüdinnen. Die Last des Überlebens der Shoah in Frankreich, das Erzählen und die Art und Weise des Erinnerns leiten diesen Text.
Der dritte Teil des Buches handelt von den ausweglosen Mühen der Nachgeborenen – der sogenannten zweiten Generation. Allerdings schreibt Honigmann hier ausschließlich über die Söhne, ihre männlichen Altersgenossen. Wer beispielsweise die Geschichte von Thomas Brasch kennt, wird sich sehr daran erinnert fühlen. Die bedrückende Welt dieser Männer entfaltet die Autorin mit der ausführlich erzählten Geschichte eines Mannes, der aus der DDR nach Straßburg gezogen ist. Sein Versuch, sich an den Leistungen seines Vaters als Autor und Herausgeber aufzurichten, scheitert. Er versinkt in Verzweiflung und Desorientierung. Das Buch endet mit dem Satz: „Ein eigenes Leben besaß er nicht.“
Zum Glück trifft das auf Honigmann nicht zu. Sie lässt uns als Lesende an ihrer Arbeit am Leben als Nachkomme jüdischer Frauen teilhaben, die einmal aus ihren gutbürgerlichen Familien aufbrachen, um revolutionären Ideen zu folgen. Das ist der Teil dieses Buches, der neue Perspektiven eröffnet.
Gottfried Kößler, Frankfurt a.M.