Zum Buch:
Dass Das Lied von Storch und Dromedar auch bereits vor seiner Nominierung für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung (deutsch von Ulrich Faure) voller Begeisterung besprochen worden ist, ist keine Überraschung. Dabei wurde der Umfang (1.000 Seiten) ebenso hervorgehoben wie der feingliedrige Stil und die innovative Weise, in der Daanje Erzählstränge aneinander webt. Ich möchte dagegen mit dem Hinweis beginnen, dass bei allen Superlativen das Buch wunderbar lesbar bleibt. Angst vor dicken Büchern sollte kein Grund sein, sich dieses in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich Buch entgehen zu lassen.
Die Form, die Daanje wählt, macht den entscheidenden Unterschied bei der Lesbarkeit: in 11 Einzelkapiteln (jeweils zwischen 60 und 110 Seiten lang) wird das Leben unterschiedlichster Menschen erzählt. Jedes ist für sich genommen immersiv und atmosphärisch dicht. Etwa die Geschichte von Emery Bowman, geboren 1858. Seine Kindheit, ist geprägt vom sogenannten Fluch der Sieben. Ohne zu weit ins Detail zu gehen, führt diese Angstvorstellung der Familie zunächst dazu, dass Emery in Isolation und unter besorgter Beobachtung aufwächst. Auch als die Sorge um ihn nachlässt, stellt er stets mit Erstaunen fest, den Siebten eines jeden Monats oder Jahres überlebt zu haben; dass er sieben und 17 wird, ohne dass ihn der Fluch einholt. Erst spät in die Gesellschaft anderer Kinder eingeführt, bleibt Emery ein Außenseiter. Und doch entwickelt sich das Kapitel scheinbar entgegen aller Widerstände zu einer Liebesgeschichte. Er stirbt, als er einem entlaufenen Hund in die Gruft der örtlichen Berühmtheit folgt: der Schriftstellerin Eliza. Emerys Großmutter war Kindermädchen im Hause der Draydens; über sie erfuhr Eliza als Kind von dem über Generationen weitergetragenen Fluch der Sieben und dem damit verbundenen Namen Emery, den sie für sich selbst als männliches Pseudonym für die Veröffentlichung ihres Romans wählte. Welche Bedeutung hat also diese Frau für den nachgeborenen Emery Bowman? Trägt er ihren Namen oder trägt sie seinen? Ist sein Tod die Erfüllung eines familiären Schicksals oder die Erzählung seines Lebens die Folge poetischer Faszination?
Nicht selten sind es ganze Leben, die Anjet Daanje kunstvoll in diese Kapitel zu packen weiß. Nie schrecken ihre Charaktere davor zurück, sich Fragen von Selbstbild und Verwirklichung, aber auch von Verbundenheit und Beeinflussung auf existentielle Weise zu stellen. Was die 11 Kapitel zu einem zusammengehörenden Roman macht, geht jedoch tiefer als eine motivische Ähnlichkeit: von Susan Knowles-Chester, die im achtzehnten Jahrhundert im Dorf Bridge Fowling als Leichenwäscherin arbeitet, bis zum niederländlichen Uhrmacher Ties Auwerda, der nach einer Ehe mit der Mathematikerin Heleen 2007 verstirbt, sind alle Figuren Epigonen von Eliza May Drayden. Eine Schriftstellerin, die nur einen einzigen Roman veröffentlich hat, der aber dank seiner düsteren Atmosphäre und emotionalen Radikalität zuerst skandalöse Berühmtheit erlangt und dann zum bleibenden Klassiker der englischsprachigen Literatur wird. Diese Verbindungen sind einerseits personell, wie bei Susan, die Eliza bereits als Kind kannte, und andererseits symbolisch-mystisch, inspiriert von den Themen und der poetischen Spannung in der düsteren Romantik des Werks von Drayden.
Anjet Daanje gelingt es damit, eine poetische Ausgangslange für ein Buch zu schaffen, dass sich in Versatzstücken über drei Jahrhunderte erstreckt und dabei ganz grundlegend anders funktioniert als gängige Generationenromane oder klassische historischer Epen. Die Verbindungen zwischen den Geschichten bleiben in einer teilweise unheimlichen Schwebe; die Verknüpfung von Dichtung, Überlieferung und Wahrheit wird zum zentralen Spiel des Romans. Und das liegt auch daran, dass die Faszination, die Eliza May Drayden (bzw. Emily Brontë) auslöst, selbst als etwas Lebendiges erfahren wird. Das Motiv der Wider- und Doppelgängerin ist für den Romane und all seine Figuren zentral. Es ist eine große Stärke des Buches, dieses nicht letztgültig als fiktionale Wirklichkeit oder persönliche Wahn- und Wunschvorstellung festzulegen. Welche Wirkung haben Geschichten im Leben von Menschen? Gibt es Menschen, deren Spuren weit über ihre Lebenszeit hinaus sichtbar werden können? Was als Studie einer Schauerpoetik beginnt, wird in diesem Roman auf faszinierende Weise zu einem einfühlsamen, tiefgründigen Panorama der Lebensgeschichten, voller Leid und Schönheit, Sinnsuche und Verständnis.
Zuletzt sei nur noch erwähnt, dass die Übersetzung von Ulrich Faure dem Roman kongenial entgegenkommt und dass die Friedenauer Presse, die für die liebevolle und aufwändige Gestaltung ihrer Bücher bekannt ist, auch hier ihrem Ruf gerecht wird. Letzteres sei umso mehr betont, da Anjet Daanje in den Niederlanden zwar bereits hochprämiert und auch international anerkannt ist, ihr Werk im deutschsprachigen Raum aber bisher noch wenig Bekanntheit genießt.
Theresa Mayer, Frankfurt a. M.