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Autor
Daas, Fatima

Spiel das Spiel

Untertitel
Roman. Aus dem Französchen von Sina de Malafosse
Beschreibung

Spiel das Spiel ist eine tiefgehende Beobachtung des französischen Schulsystems und seiner Tücken. Daas verhandelt daran, wie sich soziale Ungleichheit und systemischer Rassismus über das Bildungssystem fortschreiben und wie schwer ein sozialer Aufstieg über den Bildungsweg tatsächlich ist, welche Opfer man zu bringen bereit sein muss. Und letztlich lässt sie ihre Charaktere fragen, ob ein solcher Aufstieg überhaupt wünschenswert ist, in einem System, in dem man als rassifizierte Person eigentlich keinen Platz hat.

(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Claassen, 2026
Format
Gebunden
Seiten
192 Seiten
ISBN/EAN
978-3-546-10160-8
Preis
23,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Fatima Daas ist 1995 in Frankreich als jüngstes Kind algerischer Eltern geboren. In ihrem Debütroman Die jüngste Tochter setzt sie sich mit ihrer algerischen Herkunft und ihrem französischen Leben, ihrem muslimischen Glauben und ihrer Homosexualität auseinander. Der Roman stand wochenlang auf der französischen Bestsellerliste, wird von der Presse gefeiert und in zahlreiche Sprachen übersetzt. 2021 wurde die deutsche Übersetzung mit dem Internationalen Literaturpreis ausgezeichnet.

Sina de Malafosse, geboren 1984, lebt als Übersetzerin und Lektorin in Toulouse. Sie übersetzt u. a. Pauline Delabroy-Allard und Adeline Dieudonné.

Zum Buch:

Kayden und ihre Freund*innen Nelly, Djenna und Sami kommen aufs Gymnasium. Dort werden sie die nächsten drei Jahre duale Ausbildungen machen oder sich aufs Abitur vorbereiten. Kayden ist introvertiert, schreibt gerne und wohnt mit ihrer Schwester und ihrer Mutter in einer kleinen Wohnung. Ihr Lehrer hat sie dazu animiert, es doch in der Klasse für das Abitur zu versuchen und nicht direkt tief zu stapeln und eine Ausbildung anzustreben. So kommt Kayden in Garance Fontaines Literaturklasse. Madame Fontaine scheint etwas Besonderes in ihr zu sehen. Sie möchte sie auf die Aufnahme in die Eliteuniversität Sciences Po in Paris vorbereiten, denn es gab schon lange keine Schüler*innen des Gymnasiums mehr, die diesen Aufstieg geschafft haben. Im Laufe der Schuljahre nähern sich Kayden und ihre Lehrerin Garance Fontaine immer weiter an: Sie haben Kontakt in den Sommerferien, bereiten gemeinsam wichtige Prüfungen für Kayden vor und sehen sich auch außerhalb des Klassenzimmers. Kayden empfindet es als etwas Besonderse, von ihrer Lehrerin ausgewählt zu sein, und doch bleibt da immer wieder ein Unbehagen zurück, das sie trotz ihrer Wortgewandheit nicht auszudrücken vermag.

An dieser Schule in einem der Außenbezirke von Paris hat Garance Fontaine anderen Einfluss auf die Ausbildungswege ihrer Schuler*innen als zuvor: Sie kann „diese Jugendlichen vor ihrem gesellschaftlichen Schicksal bewahren“, zumindest diejenigen, „die es verdienen, dass man hinschaut, die das Spiel spielen wollen“. Durch ihre Aufmerksamkeit, Schmeicheleien, guten Bewertungen füllt Garance in Kaydens Leben eine Lücke, indem sie ihre Stärken hervorhebt und sie mit besonderer Behandlung belohnt. Doch Garance hat durchaus selbst etwas zu gewinnen, wenn Schüler*innen wie Kayden aus marginalisierten Verhältnissen es an eine Eliteuniversität schaffen. Während Kayden um ihre Zukunft ringt, geht es Garance letztlich um die Schulstatistik.

Dabei erzählt Fatima Daas auch und vor allem von tiefgreifender Solidarität und lebendiger Freundschaft unter den Jugendlichen. Das System Schule nimmt Kayden und ihre Freund*innen weder ernst, noch ist es gewillt, ihnen echte Unterstützung auf ihrem Weg ins Erwachsenenleben zu geben. Also müssen sich Kayden, Sami, Djenna und Nelly auf sich selbst und einander verlassen, um durchzukommen. Denn im Gegensatz zu Garance sind Kaydens eigentliche Fans ihre Freund*innen. Sie wussten schon immer um Kaydens Stärken und Fähigkeiten, auch wenn es nicht immer leichtfiel, sie zu äußern und sich auch den besten Freund*innen verletzlich zu zeigen.

Letztlich sind es diese Beziehungen, die Kayden Halt und Trost geben und ihr helfen, sich für einen Bildungsweg zu entscheiden, der zu ihr passt und nicht von außen aufgezwungen wird.
Fatima Daas zeigt deutlich, wie viel Macht Lehrer*innen im Leben ihrer Schüler*innen haben, wie sehr sie sie prägen und formen können, und dass der Kipppunkt, an dem diese Macht missbraucht wird, schneller kommt als man denkt. Für die Betroffenen ist das mit Scham, Zweifeln und Schweigen verbunden. Weil die Autorin vieles der Fantasie der Leser*innen überlässt, wird die Tragweite der Situation erst nach und nach offenbar.

Spiel das Spiel ist eine tiefgehende Beobachtung des französischen Schulsystems und seiner Tücken. Daas verhandelt daran, wie sich soziale Ungleichheit und systemischer Rassismus über das Bildungssystem fortschreiben und wie schwer ein sozialer Aufstieg über den Bildungsweg tatsächlich ist, welche Opfer man zu bringen bereit sein muss. Und letztlich lässt sie ihre Charaktere fragen, ob ein solcher Aufstieg überhaupt wünschenswert ist, in einem System, in dem man als rassifizierte Person eigentlich keinen Platz hat.

Melissa Dutz, Frankfurt a.M.